Fortsetzung des Artikels "Unsere Geschichte", Anfang siehe dort!
Im (in seiner technischen Einrichtung vor allem für Umschnitte und Montagen genutzten) Archiv hatten wir eine Zeitlang regelmäßig „Gäste“ der letztgenannten Art, es wurde praktisch alle zwei Wochen buchstäblich bis zur Unbrauchbarkeit umgeschaltet.
Irgendwann entschloß sich der Verfasser (um sich kein Magengeschwür anzuärgern) dazu, nur noch eine Minimaleinrichtung ohne die vorher gegebenen vielfachen Überspiel- und Umschnittwege anzuschließen. In anderen Studios wurden die Steckverbinder inzwischen zum Teil mit Hilfe der Heißklebepistole gesichert - sicher auch dies Maßnahmen, die sich beim großen“ Rundfunk erstens wohl kaum erforderlich machen - und die zweitens, wenn sie doch einmal nötig würden, sicher personelle Folgen hätten ...
Das sind freilich nur „Spitzen eines Eisbergs“, die meisten Schäden treten zweifelsohne im ganz normalen Alltagsbetrieb auf, immer frei nach dem Motto „Wo gehobelt wird ...“. Gewiß tritt viel natürlicher und in gewissem Rahmen unvermeidlicher Verschleiß auf - hierzu gehören z.B. Kabelbrüche (die an bestimmten Stellen mit schöner Regelmäßigkeit auftreten, und Fernost-Kabel, auch „flexible“, sind z.T. bocksteif), verbrauchte Steck- und Schaltkontakte, unter Spannungsspitzen abgeschmolzene Feinsicherungen, durch Alterung zu „Nulleitern“ degradierte oder zu „Ganzleitern“ avancierte Halbleiter und ähnliche „Herrlichkeiten“.
Oft aber sind es verkehrtherum in eine Buchse „gezimmerte“ Stecker, ausgebrochene Anschlußbuchsen (teils zwar durch normalen Gebrauch in Verbindung mit werkseitiger Unterbemessung, oft aber auch aus Bequemlichkeit, denn zum Stecker zu greifen ist zu anstrengend, also wird am Kabel gezogen), mit den Rollen des Bürostuhls plattgequetschte Kopfhörerleitungen (man muß schon mehrmals kräftig darüberrollen, um sie ernsthaft zu beschädigen), trotz guter Industriestecker mit ebensolcher Zugentlastung ausgerissene Mikrophonkabel (wozu einige Kraft gehört), ein unter dreifacher Überlast das Handtuch werfender Kopfhörerverstärker (sog. „Sioux-Schaltung“ - gibt Rauchzeichen!) ... die Liste würde noch länger, wollte man alles aufzählen.
Daß allerdings nicht immer mit dem Material so umgegangen wird, wie es angemessen wäre - hier greift die aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaft bekannte „Tragödie der Allmende“: Wenn alles allen gehört (bzw. frei zur Verfügung steht), gehört keinem etwas - und so (jeder nimmt sich das Beste heraus und achtet auf nichts, weil „die anderen“ das ja tun können) wird dann eben auch alles behandelt. Aber das ist kein funkeigenes Phänomen, sondern allgemein bekannt und unbeliebt (und auch der Verfasser selbst hat beispielsweise einen nicht zu geregelter Mitarbeit bereiten Elektronenrechner „auf dem Gewissen“) ...
Ein im Jahre 2004 eingeführtes einheitliches Meldesystem für Schäden und Ausfälle führte immerhin zu einer schnelleren Bearbeitung vieler Defekte - denn nur das, was die Werkstatt erfährt, kann sie auch reparieren. Meldezettel (mit Durchschlag) können ausgefüllt werden, wovon einer ins Brieffach der Technik wandert; der andere, am betroffenen Gerät befestigt, gibt durch leuchtend gelbe Farbe auch unberufenen Augen zu erkennen, „daß da was nicht stimmt“. Voraussetzung ist aber, sich kurz mit dem Schaden auseinander- und dann mit dem Zettel hinzusetzen und ein paar Zeilen zu schreiben - und dann hat bestimmt wieder jemand das Kohlepapier geklaut!
Sehr störend wirkte und wirkt sich auch der Umstand aus, daß die Industrie vor allem im Heimgerätebereich laufend neue, abgeänderte Modelle herausbringt und auch bei eingeführten, noch gefertigten Baureihen öfters Lieferschwierigkeiten auftreten. Also muß dann bei Ersatzbeschaffung womöglich doch auf ein anderes Modell oder gar Fabrikat ausgewichen werden, zumal dann, wenn dieses auch noch erheblich preiswerter ist als das zuvor eingesetzte Gerät - und vor allem, wenn nach einem Totalausfall Ersatz schnellstens benötigt wird.
Dies bewirkt aber eine Typenvielfalt, die zur Bedienungserleichterung nicht eben beiträgt. Das gilt insonderheit dort, wo Kostengründe den Einsatz von Heimgeräten erzwingen. Dies ist namentlich im Vorproduktions(VP)-Bereich und dem Archiv, aber auch bei den einfachen Zuspielgeräten in den Studios der Fall. Manche Heimgeräte verschleißen zudem im angestrengteren Studiobetrieb recht schnell, eine Reparatur ist aber meist wegen der billigen Neuanschaffungspreise (und auch aus Finanzierungsgründen) nicht lohnend - oder wegen der schnellen Modellwechsel mangels Spezialteilen nach einer gewissen Zeit schwierig bis gar nicht mehr durchführbar. So wird also ein Austausch öfters nötig. Das bedeutet jedesmal eine Umgewöhnung und die damit verbundene Erschwernis - und neue Fehlerquellen bei der Bedienung, wenn man sich inzwischen in jedem Studio durch einen völlig andern „bunten Zoo“ an Geräten „hindurchpflücken“ muß.
Vor allem auch bei den Reportageräten ist die Lage ähnlich.
Für den Außeneinsatz standen bereits vor Betriebsbeginn zunächst mehrere Kassettengeräte mit zunächst drei neubeschafften Allzweck-Nierenmikrophonen und einigen für diesen Zweck recht ungeeigneten Solistenmikrophonen zur Verfügung. Im Januar 1998 gelang der Ankauf von fünf gebrauchten Spitzen-Reportagemikrophonen mit Kugelcharakteristik (ARD-Standard), so daß nunmehr eine bessere Aufnahmegüte im Außeneinsatz erreicht werden konnte. Die Qualität der Aufzeichnung befriedigte dennoch nie restlos. Deshalb wurden inzwischen alle Kassettengeräte aus dem Einsatzbestand genommen. (Zwei letzte ihrer Art werden zur Speicherung und späteren Niederschrift von Ferngesprächen im Büro benützt, wofür die Qualität ausreicht.)
Für hochwertige Außenaufnahmen (wie etwa Konzertmitschnitte oder auch anspruchvollere Reportagen) wurde daher relativ bald ein tragbares DAT-Gerät angeschafft, das jedoch nach einem Einsatzzeitraum von nur anderthalb Jahren mitsamt der ausleihenden Person und einem hochwertigen Mikrophon (des gleichen, offensichtlich „beliebten“ Typs, wie er uns schon aus dem Medienraum gestohlen wurde) auf Nimmerwiedersehen verschwand. Auch hier zeigt sich erneut ein Problemfeld im Betrieb Freier Radios, mit dem öffentlich-rechtliche oder privatkommerzielle Rundfunksender sicherlich nicht zu kämpfen haben ...
Bald nachdem sie in bezahlbarer Form zur Verfügung standen, wurden auch tragbare MD-Geräte beschafft. Zu Beginn bestanden seitens einiger Vereinsmitglieder Bedenken wegen einer durch das Datenreduktionsverfahren bedingten möglichen Einschränkung der Wiedergabegüte, was sich aber schon nach den ersten Aufnahmeversuchen als völlig unbegründet erwies.
Wegen ihrer Kleinheit, ihrer hohen Aufnahme- und Wiedergabegüte und der langen Spieldauer (stereo/mono zunächst 60/120 min, mit Aufkommen verbesserter Tonträger bis zu 80/160 min) führten sich die tragbaren MD-Rekorder - ähnlich wie die Studiogeräte - trotz der anfänglich hohen Tonträgerpreise schnell ein und wurden zum Standard in der Außenaufnahmetechnik des Freien Radios Kassel.
Zu der sehr raschen Annahme trugen vor allem die Schnittmöglichkeiten am Reportagegerät selbst, die Handlichkeit und die problemlose Übernahme von Beiträgen auf die Studio-MD-Geräte ohne Notwendigkeit eines Umschnittes bei. Sieht man vom Risiko des Schneidens auf Originalen ab, so kann ein eben aufgenommener aktueller Beitrag z.B. bereits auf dem Weg ins Studio vor- oder ggf. sogar endgeschnitten werden, was viel Arbeitszeit spart.
Am brauchbarsten für die Zwecke des Freien Radios Kassel erwiesen sich nach Versuchen mit mehreren Fabrikaten die Erzeugnisse einer bestimmten Firma. Auch hier gilt aber, daß Modell„pege“ einem bewährten Gerät nicht unbedingt zum Vorteil gereicht. Wie der Verfasser aus Herstellerkreisen in Erfahrung bringen konnte, mußte man sich in einigen Punkten dem Diktat des Marktführers und des Käufergeschmacks beugen.
Dies war z.T. selbst dort der Fall, wo es gegenüber der bisherigen Ausführung Nachteile mit sich brachte, wie z.B. die Einführung eines mechanisch anfälligeren Klappdeckels anstelle des ursprünglichen, etwa der Anordnung in ortsfesten Geräten entsprechenden MD-Schlitzes in einem ziemlich festen, verwindungssteifen Gehäuse. Natürlich blieb es nicht bei dieser einen Änderung.
So haben es die Benutzer auch hier mit inzwischen fünf (!) z.T. sehr unterschiedlich zu bedienenden Baureihen zu tun.
Insgesamt nden wir also eine Lage, die den meisten andern Freien Radios nur allzu geläug sein dürfte ...
Soviel erst einmal (im großen Bogen und mit Abschweifungen - aber so ist das nun einmal bei persönlichen Erinnerungen) zur Technik. Sie bildet schließlich (was leider oft mißachtet wird) die Grundlage, ohne die die Inhalte, die vermittelt werden sollen, nicht zum Hörer gelangen könnten.
Inhaltlich tat sich auch einiges: (Die folgende Auswahl will nicht werten, sondern nur Entwicklungen zeigen; siehe auch Verzeichnisse auf unserer Hauptseite!)
Neben einigen „Eintagsfliegen“, vornehmlich im Musikbereich (so gab es Interessierte, die ernsthaft mit einer Sammlung von etwa 100 Platten eine regelmäßige wöchentliche Sendung gestalten wollten), oder Konzepten, deren Weg in den Äther im Redaktionenplenum endete, bildete sich nach den wohl üblichen Anlaufschwierigkeiten ein Sendeschema heraus, das sich hören lassen konnte. Wesentlicher Bestandteil bis heute ist die türkischsprachige Sendung der Redaktion „Radyo Kassel“ (ehemals „Özgür Radyo Kassel“ in wörtlicher Übersetzung von „Freies Radio Kassel“, wegen - im Türkischen - politischer Zweideutigkeit aber vor einiger Zeit gekürzt), die von Montag bis Freitag zwischen 16 und 17 Uhr über den Äther geht.
Zeitweise gab es auch regelmäßige Sendungen auf russisch, portugiesisch, französisch (z.B. „Ici Afrique!“ mit frankophonen Schwarzafrikanern; hier hatte sogar der Verfasser den Titel angeregt) - sowie Einzelversuche auf tschechisch und in mehreren anderen Sprachen. Derzeit werden weitere fremdsprachige Sendungen auf spanisch, arabisch und in der eritreischen Sprache Tigrinia gebracht.
Leider stark in der Bedeutung gesunken ist die 18-Uhr-Info-/ Kulturschiene, die anfangs von Montag bis Freitag täglich zu hören war. Der für eine solche Sendung, die ja auch gut recherchiert sein will, erforderliche enorme Arbeitsaufwand führte dazu, daß nach und nach einzelne Sendetage aus dem Schema gestrichen wurden, nachdem irgendwann immer mehr als Pausenfüller gedachte Musik im Programm aufgetaucht war. Ehrenamtlich ist es nicht einfach, ein derartiges aktuelles Programm im ursprünglichen Umfang weiterzuführen.
Nach Abklingen der Anfangseuphorie war daher hier recht schnell Brachland zu erkennen. Dieser Bereich verzeichnet allerdings den höchsten Anteil an Redakteuren, die in „großen“ Funkhäusern oder bei Medienagenturen „gelandet“ sind. Also waren hier zumindest erste Sporen zu verdienen. Leider gab es nicht die erhoffte Ablösung durch journalistisch interessierten Nachwuchs - offensichtlich scheint die erforderliche lange Vorbereitungszeit für eine Sache, die sich dann in einer oder zwei Stunden „versendet“, doch viele abzuschrecken, überhaupt mit einer Nachrichten- oder Magazinsendung zu beginnen ...
Kultursendungen gibt es jedoch nach wie vor mehrere, hier hat sich auch die 18-Uhr-Schiene noch teilweise erhalten; in den Abendstunden gibt es Film- und Theatergespräche oder Literatur „auf die Ohren“. Vielleicht liegt es auch daran, daß der Druck der Tagesaktualität hier nicht besteht, denn Bücher, Theater- und Kinoprogramme oder Ausstellungen sind meist doch langlebiger als politische Schlagzeilen oder das sprudelnde Zeitgeschehen (selbst in Kassel!) ...
Die sehr gute „Arbeitswelt“-Sendung litt unter dem berufsbedingten Wegzug ihres Mitbegründers, dümpelte eine Weile vor sich hin, auch mit gelegentlich immer noch auftauchenden Höhepunkten, wurde dann aber auch eingestellt.
Dafür bietet das Freie Radio inzwischen etwas, das bis zur endgültigen Ausdünnung des kulturellen und bildenden Angebots der öffentlich-rechtlichen Sender Ende der 90er Jahre dort immer noch zu finden war: Vorträge in jeder Form. Kassel ist nicht immer Thema, steht aber oft im Mittelpunkt, und die Bandbreite der Gegenstände reicht von aktuellen Entwicklungen in Politik, Verwaltung, Bildung und Religion immer wieder in die Geschichte hinein. Einen Schwerpunkt bildet hier das Dritte Reich, viele Zeitzeugen haben und hatten hier wohl eine letzte Gelegenheit, am Rundfunk und in bleibender Aufzeichnung ihrer Stimmen zu Wort zu kommen.
Das Publikum schätzt die Vorträge sehr, ein Großteil der Hörerpost setzt sich mit ihnen auseinander, und viele Zuhörer fragen nach den jeweiligen Sendeterminen, um die Reden auch Bekannten zugänglich machen zu können, die keine Gelegenheit zur Teilnahme an der Veranstaltung selbst hatten.
Das Kabarett bildet von Anfang an eine feste Größe im Rundfunkschaffen an unserem Sender. Eigene Veranstaltungen, aber auch Mitschnitte bekannter Künstler vor Ort bilden einen von vielen Hörern gern angenommenen Programmteil.
Das Hörspiel, eine zugunsten des Fernsehspiels in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit zurückgetretene Programmgattung, wird gepflegt. Eigenproduktionen begannen bereits in der Vorphase des späteren FRK, so z.B. einige Kurzhörspiele für den Kongreßfunk 1995, aber auch in der Zeit danach bis zum Sendestart im Juni 1997 entstanden bereits Hörspielproduktionen. Dem Verfasser noch gut in Erinnerung sind die Aufnahmen in einer vor dem Programmbeginn im Medienraum der Gesamthochschule Kassel entstandenen Kriminalparodie - diese ist auf der Seite des Hörspielautors Dr. Marc Urlen (unter http://www.marcurlen.de/hoerspiele.htm) zu hören. Große Hörspiele fordern einen nicht unbeträchtlichen Aufwand an Personal und Arbeitszeit, wenn etwas Brauchbares dabei herauskommen soll, aber sie sind der Mühe wert. Das zeigen nicht zuletzt auch immer wieder die Erfolge bei den Verleihungen des Bürgermedienpreises durch die LPR Hessen.
Daneben gelingt es bisweilen, Hörspielschaffen aus vergangenen Jahren der Vergessenheit zu entreißen. So konnte im Jahre 2002 ein 1958 (!) produziertes Hörspiel einer achten Realschulklasse („Fernes China“) gesendet werden. Im November 2006 konnten wir eine sehr schöne, aufwendig und gekonnt aufgenommene Produktion der Volkshochschule Kassel („Große Kasseler Straßenbahn“) aus den frühen 70er Jahren bringen, die ein erhebliches Maß an Zeit- und Lokalkolorit vermittelte - ein Stück mittlerweile vergangenes Kassel.
An etwa noch in den Schubladen unserer Hörer (und hier auch Leser) schlummernden Hörspielen ähnlicher Herkunft (die keinen inhaltlichen Bezug zu Kassel haben müssen, aber gern dürfen) ist das Freie Radio immer interessiert - eine etwa nötige technische Aufarbeitung gibt in den meisten Fällen keine unlösbaren Rätsel auf! An dieser Stelle kann auch gleich noch das Feature (zu deutsch etwa: Hörbild) erwähnt werden, das in der hektischen Anderthalbminutenwelt der Rundfunksender kaum noch Platz hat (außer, von rühmlichen anderen Einzelfällen abgesehen, regelmäßig bei den zwei anspruchsvollen bundesweit ausgestrahlten Programmen). Dem von öffentlich-rechtlichen Hörspiel- und Featureleuten geprägten Satz „Radio ist Kino für die Ohren“ („Radio is cinema in your head“, wie es schon vor 35 Jahren die ABC in Sydney formulierte) kann nicht nur der Verfasser beipflichten ...
Auch aktuelle Interviews und Reportagen (mit weniger zusätzlicher Studioarbeit als ein Feature sie braucht) werden, meist im Rahmen eines der Magazine, gesendet.
Ein persönlicher Höhepunkt im Funkschaffen des Verfassers dürfte ein Interview vom Sommer 2000 mit einem hörbar „in guter Stimmung“ befindlichen Kasseler Oberbürgermeister sein, der es sich nicht nehmen ließ, dem von ihm angeordneten, aber rechtlich noch nicht abgesicherten Abriß des Kunstwerks („Treppe“) auf dem Königsplatz persönlich beizuwohnen - und den herbeigeeilten Pressevertretern mit schwerer Zunge Auskunft über sein Vorgehen zu erteilen. Der Verfasser darf wohl für sich in Anspruch nehmen, daß das hierbei entstandene Interview zu den „Klassikern“ im Archiv des FRK zählt. Auch befanden sich Interviewer und Oberbürgermeister zufällig auf der gleichen Seite des Bauzauns - Weglaufen unmöglich. Glück braucht der Rundfunkmann gelegentlich eben auch! Der Oberbürgermeister und seine Helfer in dieser Angelegenheit wurden nachher zur Zahlung einer beträchtlichen Geldbuße verurteilt ... Kassel, alle fünf Jahre (während der „documenta“) Welthauptstadt der modernen Kunst, war denn doch wieder einmal nur gut für eine deftige Provinzposse!
Eine Programmsparte, die im „großen“ Radio fehlt, ist etwas, das vielleicht mit „Radio von unten“ treffend bezeichnet wäre - und das auch an anderen Freien Radios einen nicht unwichtigen Anteil bildet. Hier können sich nicht nur (inzwischen auch „große“) Bürgerrechtsbewegungen wie „attac“, sondern vor allem auch örtliche Initiativen ausdrücken, die woanders keinen medialen Zugang fänden - immer ein Verweis auf die Entstehungsgeschichte der Freien Radios.
Auch das „Offene Gruppenradio“, in dem - unter Einhaltung bestimmter Rahmenbedingungen - jeder Mensch sich über das Medium Radio mitteilen kann, sei hier nochmals erwähnt. Näheres auf Anfrage - wir beißen nicht! Nur sollte es möglichst nicht der hundertste Versuch einer Top-twenty-Show-Imitation sein, sondern vielleicht eher im Wortbereich liegen - und im Idealfalle Inhalte vorstellen, die es so am Funk noch nicht, nicht mehr oder überhaupt nicht gibt! Der vielgeschundene Begriff „Kreativität“ könnte hier zu neuen Ehren kommen. Schon einige unserer regelmäßigen Sendungen entstanden zunächst als einmalig gedachte „Versuchsballons“, während einigen regelmäßig gedachten bald „die Puste ausging“ ...
Ein programmlicher Höhepunkt ist auch die Kindersendung, die sonntags zu hören ist. Anfangs großteils auch von Kindern für Kinder gestaltet, hat sie sich zu einem medienpädagogischen Standbein des Radios gemausert. Der Verfasser selbst wie auch einige andere Angehörige des Freien Radios Kassel haben im Laufe der Jahre Erfahrung mit Dutzenden Kindergruppen gesammelt, denen die Grundzüge der Medienarbeit erfolgreich vermittelt werden konnten, was dann zur Ausstrahlung der auf diesem Wege entstandenen Beiträge in der sonntäglichen Kindersendung führt. Diese wird mit Erwartung nicht nur von den Kindern selbst, sondern auch von deren Eltern und den beteiligten Betreuern abgehört.
In der heutigen Zeit des Überangebots an medialen Reizen kann man wohl nicht früh genug beginnen, den Kindern klarzumachen, daß Medien hinterfragt werden müssen, da sie stets nur Abbilder der Wirklichkeit vermitteln. Wie könnte das besser funktionieren als mit der Produktion eigener Beiträge, in denen schon die Jüngsten lernen, wie Nachrichten, Musik usw. entstehen und bearbeitet werden können? Die spielerische Heranführung nimmt die Scheu vor der Beschäftigung mit Medien und klärt über Zusammenhänge auf, macht die Manipulierbarkeit der Vermittlung von Ereignissen klar - und damit die Kinder (hoffentlich) weniger anfällig für allzugroße leere Versprechungen aus den bunten Zauberkästen der Gedankenfabriken. Und die Arbeit macht Kindern wie Betreuern und Technikern stets großen Spaß - und mit Spaß lernt man am meisten!
Über die Bedeutung der Musik-Spezialsendungen hat sich der Verfasser weiter oben schon geäußert. In ihrem Rahmen gibt es auch öfter Interviews mit den Künstlern, vor allem bei Konzerten und natürlich bei Gastspielen im FRK-Studio. Hier sei nochmals angemerkt, daß diese schon angesprochenen Direktübertragungen von Auftritten im Funkhaus in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewinnen konnten, womit sich Freies Radio inzwischen deutlich vom „großen“ abhebt. Seit Herbst 2005 hat das FRK im „Musiktaxi“ eine Sendung, die diese Herangehensweise zum Programm gemacht hat und Musikschaffende (zumeist) aus Kassel und Umgebung ans Mikrophon holt.
Seit November 2006 sah es schon ein wenig so aus, daß bereits das letzte Kapitel im Buch der Geschichte des Freien Radios Kassel und seiner hessischen Geschwister aufgeschlagen sein könnte:
Aus der Landeshauptstadt verlauteten Pläne zur Umstrukturierung der hessischen Medienlandschaft. Ihr fielen, wenn die Gesetze beschlossen würden, wie sie ursprünglich vorgeschlagen waren, voraussichtlich die Freien Radios, evtl. auch die Offenen Kanäle (Bürgerfernsehen) zum Opfer.
Eine Entscheidung, die einem modernen Bundesland, als das Hessens Staatsmänner ihren Staat gerne verkaufen wollen, nicht gut zu Gesicht stünde. Der Verfasser ist der Meinung, daß als Gegenpol zu dem von privater und (gerade im Hessen der letzten Jahre) auch öffentlich-rechtlicher Seite immer mehr angerührten Rundfunk- und Fernseh-Einheitsbrei (einschließlich Ersatz gut recherchierter, intelligent gemachter, bisweilen bissiger Sendungen durch Boulevardniveau und Hofberichterstattung bis fast zur Speichelleckerei) die Freien Radios und Offenen Kanäle bitter nötig sind - auch Medienkompetenzförderung vor Ort, die beim Kindergartenkind beginnt und beim Greis noch nicht endet, kann man von den immer mehr von Personaleinsparungen getroffenen und von Rationalisierungsbestrebungen gebeutelten „Großen“ wohl kaum in der Form erwarten, wie sie an Freien Radios und Offenen Kanälen in Hessen (noch) geleistet wird.
Oder sollte der (nicht nur medienpolitisch) mündige Bürger am Ende gar nicht erwünscht sein, weil ein Radio-Radau-Rezipient sich leichter regieren läßt als einer, der hinterfragt, was er aus dem Lautsprecher hört? Ein solch merkwürdiges Demokratieverständnis wäre allerdings ein Armutszeugnis für die Kräfte, die unser Land durchs einundzwanzigste Jahrhundert führen sollen ...
Doch zum Glück kommen jetzt andere Nachrichten aus Wiesbaden (aus einer Meldung der „Nordhessischen Neuen Zeitung“ vom 28.4.07):
„CDU-Landtagsfraktion legt Änderungsantrag vor ,Die größte Gefahr ist gebannt’, meint Rainer Frisch, Mitglied des Vorstands beim Freien Radio Kassel. In der Tat: Die erheblichen Mittelkürzungen für die hessischen Bürgermedien, die unter Umständen zur Schließung mehrerer Offener Kanäle und nichtkommerzieller Lokalradios geführt hätten, sind vom Tisch.
Nach monatelangen Diskussionen um die künftige Finanzierung der Einrichtungen durch die Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR) hat die CDU-Fraktion im Hessischen Landtag einen Änderungsantrag vorgelegt, der den zunächst von der Staatskanzlei erarbeiteten Gesetzestext deutlich entschärft. Waren im ursprünglichen Entwurf noch Kürzungen in Höhe von rund 2 Millionen E vorgesehen, so muß die LPR ihren Haushaltstitel für die Bürgermedien und die Förderung der Medienkompetenz nach dem Vorschlag der CDU-Fraktion nur noch um etwa 400.000 E herunterfahren. Ob - und wie - sich diese Mittelreduzierung auf die nordhessischen Bürgermedien, also den Offenen Kanal, das Freie Radio und Rundfunk Meißner/Eschwege auswirken, entscheidet nun die Versammlung der LPR. Zunächst muß das Gesetz aber im Landtag beschlossen werden - vermutlich Ende Mai.
Nachdem die Kürzungspläne der Staatskanzlei Mitte letzten Jahres bekannt geworden waren, hatten sich - neben den Oppositionsparteien im Landtag - zahlreiche Organisationen, Bildungsträger, Verbände und politische Gremien deutlich gegen Einschränkungen bei den Bürgermedien ausgesprochen. Etliche Stadtparlamente und Kreistage wandten sich mit Resolutionen an die Landesregierung - auch der Kasseler Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung bekundeten ihre Solidarität mit den Bürgermedien.
Selbst vielen CDU-Abgeordneten ging der Gesetzentwurf zu weit: Sie forderten den Erhalt und die langfristige Absicherung der Offenen Kanäle und der Freien Radios. Nachdem sich im Rahmen einer Anhörung vor dem Hauptausschuß des Landtags ebenfalls praktisch sämtliche Teilnehmer gegen den Gesetzentwurf ausgesprochen hatten, wurde innerhalb der CDU-Fraktion ein Kompromiß erarbeitet - mit dem erklärten Ziel, den ursprünglichen Entwurf zu modifizieren und die Bürgermedien langfristig abzusichern.
Nach Ansicht von Mark Weinmeister, medienpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, ist dies gelungen: ,Die Offenen Kanäle und die nichtkommerziellen Lokalradios werden von der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag sehr geschätzt. Unser Vorschlag ist ein Kompromiß, der sowohl den Bestand der Offenen Kanäle und Lokalradios als auch die Voraussetzungen für die Bewältigung der weiteren Aufgaben der LPR sichert.’ Diese Einschätzung wird allerdings nicht von allen geteilt: Andreas Jürgens, Medienexperte der Grünen-Fraktion im Landtag, hält die Existenz der Bürgermedien weiterhin für gefährdet und bewertet den Änderungsantrag lediglich als ,Lockerung der Daumenschrauben für die OK und NKLs.’ Die Grünen fordern weiterhin, der LPR die Entscheidungsfreiheit über die Verwendung ihrer Haushaltsmittel auch künftig im vollen Umfang zu belassen.
Für das Freie Radio Kassel bringt die aktuelle Entwicklung zunächst nichts Neues. ,Wir müssen weiter abwarten und hoffen, daß - vorausgesetzt, der Landtag akzeptiert den Änderungsvorschlag - die LPR im Rahmen ihrer Haushaltsplanung für 2008 keine Kürzungen bei den Freien Radios vornimmt’, sagt Rainer Frisch vom FRK. Er ist inzwischen ans Warten gewöhnt: Ein Jahr ist mittlerweile vergangen, seit der ursprüngliche Gesetzentwurf der Staatskanzlei bekannt wurde. Seither bangen die Bürgermedien - und mit ihnen Zehntausende von Hörern und Nutzern - um ihre Existenz. Immerhin: Man darf wieder hoffen.“
Denn hofft mal schön!
Michael Rolf, Freies Radio Kassel (unter Verwendung von Unterlagen anderer hessischer Freier Radios, einer Abbildung aus der „Hessischen Allgemeinen Zeitung“ und je einer Meldung des „Wildwechsels“ und der „Nordhessischen Neuen Zeitung“)
Wird nach Möglichkeit berichtigt, ergänzt und fortgesetzt.